Zukunft der Arbeit

Demografischer Wandel, Digitalisierung und die Herausforderungen des Klimawandels stellen den Südtiroler Arbeitsmarkt vor große Aufgaben: Alte Jobprofile verschwinden, neue entstehen. Wie aber gelingt Beschäftigten der nahtlose Umstieg in die Berufe der Zukunft? Das AFI | Arbeitsförderungsinstitut hat das Modell der „Berufswanderkarten“ der Arbeiterkammer Wien studiert und sieht darin ein vielversprechendes Instrument auch für Südtirol.

Aktuell zeichnet sich in der Arbeitswelt eine paradoxe Entwicklung ab: Während bestimmte Tätigkeiten etwa durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) zunehmend unter Druck geraten, werden in anderen Branchen händeringend Fachkräfte gesucht. Oft fehlen den Unternehmen dabei nicht nur Mitarbeitende, sondern ganz spezifische Fähigkeiten. Um Beschäftigte aus gefährdeten Berufen in sichere Wachstumsbranchen zu begleiten, braucht es klare Orientierungshilfen. Die „Berufswanderkarten“ bieten genau das: Sie machen sichtbar, dass die inhaltliche Lücke zwischen einem alten und einem neuen Beruf oft erstaunlich klein ist. Anstatt bei null anzufangen, zeigen sie konkrete und erreichbare Umstiegspfade auf, bei denen bestehendes Praxiswissen gezielt weiterverwendet wird.

Wanderrouten für Südtirol

Das Konzept der Arbeiterkammer Wien liefert zwar wertvolle Hinweise, gute Karten müssen aber auch zum Gelände passen. Die Besonderheiten der Wirtschaftsstruktur und Bildungslandschaft verlangen nach eigenen, lokalen Wanderrouten, die auf die Südtiroler Realität zugeschnitten sind. Dafür gilt es, gefährdete Berufe und künftige Fachkräfteengpässe möglichst frühzeitig zu erkennen. Anschließend gilt es zu ermitteln, wo Überschneidungen von Berufsinhalten und Kompetenzen Übergänge ermöglichen und passende Aus- und Weiterbildungsangebote zu schaffen.

Anerkennung und Absicherung als Schlüssel

Damit „Berufswanderungen“ in der Praxis gelingen, müssen zeitliche und organisatorische Hürden abgebaut werden. Ein wichtiger Hebel ist die leichtere formale Anerkennung von vorhandenem Können – egal, ob es sich um Ausbildungen aus einem anderen Berufsfeld handelt oder um informell „on the job“ erlernte Fähigkeiten. Wie das funktionieren kann, zeigt eine aktuelle Initiative in Südtirol: Quereinsteiger:innen der Elektrotechnik können mit teilweiser Anrechnung ihrer Berufserfahrung berufsbegleitend einen Lehrabschluss nachholen. „Das ist genau die Richtung, in die wir weiterdenken müssen: Praxiswissen anerkennen und modulare Qualifizierung ermöglichen, um Berufswanderungen für die Beschäftigten leichter und attraktiver zu gestalten“, betont AFI-Mitarbeiter Michael Paler.

Ein weiterer entscheidender Faktor ist die finanzielle Absicherung. Umschulungskosten und Verdienstentgang sind für Arbeitnehmende oft unüberwindbare Barrieren. Damit das Modell greift, braucht es Fördermodelle zur Einkommenssicherung und Möglichkeiten zur temporären Arbeitszeitreduzierung, sodass Beschäftigte für Weiterbildungen nicht ihren Job aufgeben müssen.

Auch kleine Betriebe mitnehmen

Gleichzeitig muss die Perspektive der Unternehmen, insbesondere der vielen Südtiroler KMU, mitgedacht werden. Für Kleinbetriebe ist die Freistellung von Mitarbeitenden für umfangreichere Qualifizierungen oft kaum stemmbar. Weiterbildungsformate müssen daher so flexibel gestaltet sein, dass sie sich in betriebliche Abläufe integrieren lassen – etwa durch Nutzung saisonaler Randzeiten.

Ein besonderes Dilemma entsteht zudem bei kompletten Berufswechseln: Für Unternehmen macht es wirtschaftlich verständlicherweise keinen Sinn, Freistellungen zu unterstützen, wenn die Arbeitskraft den Betrieb danach verlässt. Gerade hier braucht es faire Ausgleichsmodelle und überbetriebliche Fonds, damit solche Umstiege nahtlos und ohne vorherige Arbeitslosigkeit gelingen können.

Welche Finanzierungsinstrumente Unternehmen dabei bereits heute nutzen können, entnimmt man dem soeben erschienenen AFI-ZOOM Nr. 87 „Berufswanderkarten – Wegweiser für den Arbeitsmarkt im Wandel?“.

Statement von AFI-Präsident Stefano Mellarini

„Auch in Südtirol treffen zunehmend Arbeitsplatzrisiken durch neue Technologien und veränderte Anforderungen auf einen Mangel an Fachkräften. Um diesen Strukturwandel zu bewältigen, wird von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern die ständige Bereitschaft zur beruflichen Neuorientierung erwartet. Dabei dürfen wir sie aber nicht allein lassen. Wenn Weiterbildung der Schlüssel zur Zukunft ist, muss die öffentliche Hand gemeinsam mit den Unternehmen die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen. Erfolgreiche „Berufswanderungen“ können in der Praxis nur gelingen, wenn Umschulungen für die Beschäftigten zeitlich machbar, im Aufwand überschaubar und finanziell so abgesichert sind, dass der Lebensunterhalt gewährleistet bleibt.“

Pressemitteilung

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