AFI-Barometer

Ob es echte Zuversicht ist oder bloß Wunschdenken, lässt sich aus den Umfrageergebnissen nicht ableiten. Südtirols Arbeitnehmer:innen blicken jedenfalls zuversichtlicher den nächsten 12 Monaten entgegen als noch im letzten Quartal. Alle sechs Stimmungsindikatoren zeigen sich stabil oder haben sich leicht verbessert, wenn auch stets von niedrigem Niveau aus. Einem soliden Arbeitsmarkt, einer guten touristischen Entwicklung und einer wiederbelebten Kreditdynamik steht die schwindende Kaufkraft der Familien gegenüber. AFI-Direktor Stefan Perini: „Eine Inflationsrate von 4,1% wäre für ein einzelnes Jahr genommen nicht ein größeres Problem. Fakt ist aber, dass die Verbraucherpreise im Zeitraum 2021 – 2026 um mehr als 25% gestiegen sind, bei nur schleppender Lohnentwicklung. Der Kaufkraftverlust der Familien von einem Viertel wurde damit in den wenigsten Fällen voll kompensiert – und das ist ein Problem“.

Die Konjunktur im Euroraum erwies sich im ersten Halbjahr trotz des schwierigen geopolitischen Umfelds als robust. Die infolge des Iran-Krieges gestiegenen Energiepreise ließen die Inflation anziehen. Diese lag im Euroraum im August mit 3,3% deutlich höher als zu Beginn des Jahres und auch weit über dem Stabilitätsziel der EZB. Im Nahostkonflikt ist kurzfristig mit keiner Entspannung zu rechnen, sodass der Druck auf die Energiepreise aufrechterhalten bleiben dürfte. Nach dem Einbruch im März haben sich die Aktienmärkte in den Folgemonaten spürbar erholt. Gleichzeitig erwiesen sich die Folgen der US-Zollpolitik als weniger gravierend als erwartet. Die steigende Inflation veranlasste die EZB, den Leitzinssatz anzuheben. Bis Jahresende rechnen Analysten mit ein bis zwei weiteren Zinsschritten von jeweils 0,25 Prozentpunkten. Die Arbeitsmarktindikatoren im Euroraum bleiben insgesamt robust und deuten auf eine weiterhin stabile Beschäftigungslage hin. Die Wachstumsprognosen für den Euroraum wurden in den letzten Wochen angehoben. Die Gemeinschaftsdiagnose von Ifo und Partnern weist für 2026 folgende Wirtschaftswachstumsraten aus: Euroraum: +1,0%; Deutschland: +1,0%; Italien: +0,9%; USA: +2,1%. Ähnlich hoch sind die prognostizierten Werte für 2027 (Euroraum: +1,3%; Deutschland: +1,0%; Italien: +0,8%; USA: +2,0%).

SÜDTIROLS WIRTSCHAFT: Solide Kennzahlen, mit Ausnahme von Außenhandel und Inflation

Vor dem Hintergrund internationaler Turbulenzen zeigt sich Südtirols Wirtschaft auch im Herbst 2026 bemerkenswert widerstandsfähig. Die lohnabhängige Beschäftigung wächst weiter (+1,8% in den ersten neun Monaten im Vergleich zu 2025). Alle Sektoren expandieren, einzig das Baugewerbe schwächelt etwas. Die Erwerbstätigenquote liegt bei 73,9%, die Arbeitslosenquote bei 1,1%. Der Tourismus legt weiter zu: Getragen vom Boom des Campingtourismus sowie höherer Beherbergungskategorien steigt die Zahl der Nächtigungen in den ersten acht Monaten um +3,0% – ein neues rekordverdächtiges Jahr steuert auf den Endspurt zu. Nach einer zweijährigen Schwächephase zieht die Kreditvergabe wieder deutlich an – im ersten Halbjahr 2026 um +2,9%.

Zu den Negativtrends: Im Außenhandel stagnieren sowohl die Exporte (unverändert im ersten Halbjahr) als auch die Importe (–0,6%). Die Inflationsrate in Bozen stieg im Jahresverlauf signifikant an und erreichte im September 4,1% – fast ausschließlich getrieben von der Entwicklung der Treibstoff- und Energiepreise.

STIMMUNGSBILD: Optimismus zwischen Überzeugung und Pflicht

Die gute Nachricht voran: Alle Stimmungsindikatoren zeigen sich stabil oder verbessern sich. Die Erwartungen der Arbeitnehmer:innen hinsichtlich der wirtschaftlichen Entwicklung Südtirols in den nächsten zwölf Monaten sind nach wie vor verhalten positiv. Der entsprechende Index liegt nun bei +16 (auf einer Skala von +100 bis –100), was für eine positive Grundstimmung spricht. Leicht verbessert haben sich auch die Erwartungen in Bezug auf die Entwicklung der Arbeitslosigkeit, die Fähigkeit, mit dem Lohn über die Runden zu kommen, und die eigenen Sparmöglichkeiten – wenn auch die beiden letztgenannten von niedrigem Niveau aus. Der Anteil der Personen, die angeben, nur mit Schwierigkeiten mit dem Lohn über die Runden zu kommen, beträgt nun 27%. 41% der Befragten gehen hingegen davon aus, in den nächsten zwölf Monaten kein Geld ansparen zu können. Im Vergleich zu vorangegangenen Befragungen sind diese Werte eher positiv einzuordnen. Eine Auffälligkeit: Arbeitnehmer:innen aus dem Verarbeitenden Gewerbe, dem Baugewerbe und den Privaten Dienstleistungen geben dem AFI eher gedämpfte Einschätzungen, während sich jene aus Handel und Gastgewerbe eher optimistisch äußern.

BIP-PROGNOSE FÜR SÜDTIROL: +0,9% für 2026, +1,2% für 2027

Die hohe Widerstandsfähigkeit und das günstigere wirtschaftliche Umfeld als erwartet haben die Forschungsinstitute jüngst veranlasst, ihre Wachstumsprognosen für den Euroraum für 2026 und 2027 anzuheben. Im Gleichschritt dürfte sich auch das Außenhandelsgeschäft wieder beleben. Die positive Lage an den Arbeitsmärkten sollte anhalten.

In Südtirol deutet die Stimmung der Arbeitnehmer:innen auf eine leichte Verbesserung hin. Zudem dürfte ein gut dotierter Landeshaushalt von 9,1 Mrd. € mit seiner erklärten Ausrichtung auf soziale Gerechtigkeit stabilisierend wirken. Ein zentraler Problemfaktor bleibt der hohe Kaufkraftverlust der Familien in den vergangenen fünf Jahren (–25%). Außerdem ist die Zeit des billigen Geldes vorerst vorbei: Die Zinsen (und damit auch die Zinslast) dürften in den nächsten Monaten steigen und die Finanzierungsbedingungen erschweren. Dazu AFI-Direktor Stefan Perini: „Wir halten an unserer Wachstumsprognose von +0,9% für 2026 fest – ein Wert, welcher gestern auch vom ASTAT als solcher mitgetragen wurde. Wir gehen davon aus, dass sich dank des insgesamt günstigeren wirtschaftlichen Umfelds im Euroraum das Wirtschaftswachstum in Südtirol im Jahr 2027 auf +1,2% bringen kann.“

Stellungnahme von AFI-Präsident Stefano Mellarini

„Die Ereignisse der vergangenen Tage in Spanien, Frankreich und Italien rücken grundlegende Fragen wie die Wohnungsnot, die Qualität der öffentlichen Bildung und die steigenden Lebenshaltungskosten wieder in den Mittelpunkt der öffentlichen Debatte. Es handelt sich um Herausforderungen, die insbesondere die jüngeren Generationen betreffen und ein gemeinsames Engagement der Institutionen und Sozialpartner erfordern. Es ist von entscheidender Bedeutung, gemeinsam daran zu arbeiten, eine Zukunft zu gestalten, in der Arbeit Würde, Sicherheit und konkrete Perspektiven gewährleistet und so zur Entwicklung einer gerechteren, solidarischeren und inklusiveren Gesellschaft beiträgt.“

Stellungnahme von Arbeits-Landesrätin Magdalena Amhof

„Der Kaufkraftverlust der Südtiroler Familien ist derzeit eine der größten Herausforderungen. Im Landeshaushalt sehen wir daher die Mittel vor, um einen möglichst hohen Teil der Inflation im Zeitraum 2025-27 für unsere Bedienstete abzufedern; zudem werden wir die Löhne in Zukunft jährlich anpassen, um einen festgelegten Anteil der Inflation auszugleichen. Darüber hinaus wird soziale Gerechtigkeit ein Schwerpunkt bei der Ausgestaltung des Landeshaushalts 2027 sein.“

Pressemitteilung

Grafik

Präsentation

Nähere Informationen erteilt AFI-Direktor Stefan Perini (T. 0471 41 88 30, M. 349 833 40 65, ).

Das AFI-Barometer wird viermal im Jahr erhoben (Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter) und gibt das Stimmungsbild der Südtiroler Arbeitnehmerschaft wieder. Die Erhebung erfolgt über eine telefonische Umfrage unter 500 Südtiroler Arbeitnehmer:innen und ist für Südtirol repräsentativ. Die nächsten Umfrageergebnisse werden Mitte Jänner 2027 vorgestellt.

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