Demografische Entwicklung

Südtirols Arbeitswelt ist nach wie vor stark nach Geschlechtern segmentiert, der Nachwuchs fehlt nahezu überall – und im öffentlichen Sektor, allen voran im Gesundheitswesen, droht der Generationenwechsel zu spät zu kommen. „Die Südtiroler Wirtschaft kann es sich nicht mehr leisten, sich bei der Rekrutierung in Lohnzurückhaltung zu üben, wie dies über Jahre hinweg der Fall war. Wir riskieren sonst, im mitteleuropäischen Wettbewerb um die besten Talente ins Hintertreffen zu geraten“, warnt AFI-Präsident Stefano Mellarini.

Demografische Entwicklung, Strukturwandel und Nachwuchsmangel waren jüngst Thema beim „Tag des öffentlichen Diensts“ am 23. Juni – allerdings mit Fokus auf diesen Makrobereich.

Mit dem Ziel, die Struktur der lohnabhängigen Erwerbstätigkeit besser zu verstehen und grafisch zu veranschaulichen, hat das AFI | Arbeitsförderungsinstitut „Beschäftigungspyramiden“ für die sechs Hauptsektoren der Privatwirtschaft sowie die drei Bereiche im öffentlichen Sektor erarbeitet. Diese liefern Einblicke in mehrere Aspekte: die Präsenz der Geschlechter, die Verteilung von Vollzeit- und Teilzeitarbeit sowie die Altersstruktur. Zudem zeigen sie, wo die Pensionierungswelle mit besonderer Wucht zuschlagen wird bzw. wo der Nachwuchsmangel am größten ist.

Die Ergebnisse im Überblick

235.048 Personen waren im Jahresschnitt 2025 in Südtirol lohnabhängig beschäftigt, und zwar 75,8% in der Privatwirtschaft und 24,2% im öffentlichen Sektor.

Grundsätzlich gilt: Produzierende Sektoren sind stark männlich geprägt, Dienstleistungssektoren stark weiblich. Den „Männerdomänen“ Baugewerbe (89,4% Männer), Verarbeitendes Gewerbe (78,7%) und Landwirtschaft (63,0%) stehen als „Frauendomänen“ das Gesundheitswesen (79,5% Frauen), die Bildung (77,8%) und die öffentliche Verwaltung (64,9%) gegenüber.

Von allen Männern arbeitet rund jeder Neunte (11,7%) in Teilzeit, bei den Frauen nahezu jede Zweite (48,0%). Obwohl Männer in den letzten Jahren aufgeholt haben, ist Teilzeit weiterhin überwiegend weiblich geprägt: 78,9% aller Teilzeitstellen entfallen auf Frauen, 21,1% auf Männer.

Die männerdominierten Sektoren sind zugleich klassische „Vollzeitsektoren“. Der Anteil der Vollzeitbeschäftigten ist im Baugewerbe am höchsten (90,4%), aber auch in der Landwirtschaft (89,1%) und im Verarbeitenden Gewerbe (87,3%) sehr hoch. Demgegenüber liegt die Teilzeitquote in den stark weiblich geprägten Branchen des öffentlichen Sektors auf einem besonders hohen Niveau: 48,0% im Gesundheitswesen, 43,1% in der Bildung und 40,0% in der öffentlichen Verwaltung.

Zur Altersverteilung: In der Gesamtwirtschaft sind 21,0% der Beschäftigten unter 30 Jahre alt, 44,4% zwischen 30 und 49 und 34,6% älter als 50. 8,7% sind über 60 und stehen somit kurz vor dem Pensionseintritt. Das Durchschnittsalter beträgt 42,3 Jahre.

Sieht man vom Handwerk als Kategorie ab (37,9 Jahre), ist das Gastgewerbe die jüngste Branche (39,0 Jahre), unter anderem, weil dort 30,6% der Beschäftigten unter 30 sind. Demgegenüber ist die öffentliche Verwaltung der mit Abstand älteste Sektor (49,3 Jahre; 57,6% über 50), gefolgt vom Gesundheitswesen (45,3 Jahre; 42,8% über 50) und der Bildung (45,1 Jahre; 40,7% über 50).

Implikationen

#1: Die Zahlen zeigen die weiterhin starke geschlechtsspezifische Segregation zwischen den Wirtschaftssektoren: Männer arbeiten überwiegend in der Privatwirtschaft, Frauen im öffentlichen Sektor. Neben den Berufsbildern spielen auch Regelungen zu Mutterschutz, Elternzeiten und Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine Rolle – sichtbar auch an der hohen Teilzeitquote in frauendominierten Bereichen.

#2: Die Privatwirtschaft stellt 75,8% der Arbeitsplätze, aber nur 62,9% der Teilzeitstellen. Der öffentliche Sektor stellt 24,2% der Jobs, aber 37,1% der Teilzeitstellen. Hier knüpft die Frage an, warum der öffentliche Sektor in überproportionalem Maß für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf einsteht bzw. „einstehen muss“, während die Privatwirtschaft in dieser Hinsicht noch Nachholbedarf hat.

#3: Das hohe Durchschnittsalter in den Branchen des öffentlichen Sektors (öffentliche Verwaltung, Gesundheitswesen, Bildung) wirft die Frage auf, was im Auswahl- und Rekrutierungsprozess in den letzten Jahren versäumt wurde.

#4: Eine direkte Konsequenz daraus ist, dass die Pensionierungswelle gerade im öffentlichen Sektor besonders stark ausfällt. Der Anteil der über 60-Jährigen beträgt in der öffentlichen Verwaltung 15,1%, im Gesundheitswesen 10,1% und in der Bildung 9,3% und liegt damit – mit Ausnahme der Landwirtschaft (10,8%) – über dem Referenzwert der Privatwirtschaft (8,0%). „Hier rächt sich der jahrelange Aufnahmestopp im öffentlichen Dienst“, so AFI-Direktor Stefan Perini. „Wird die Rekrutierung nicht unmittelbar deutlich intensiviert und beschleunigt, geraten Wohlfahrtsstaat und öffentliche Grunddienste zeitnah massiv unter Druck.“

#5: Branchen mit relativ junger Belegschaft wie Gastronomie oder Handwerk müssen sich verstärkt mit ihrer Arbeitgeberattraktivität auseinandersetzen, um junge Menschen langfristig zu halten.

Die Zukunft: Die „Ressource Mensch“ als knappes Gut

Die anrollende Pensionierungswelle, geringer Nachwuchs, die Abwanderung von Fachkräften aus Südtirol sowie neue Formen ortsunabhängigen Arbeitens – Stichwort Plattformökonomie – erhöhen den Druck auf Südtirols Arbeitgeber. Laut einer Studie von Mercer Italia liegt das durchschnittliche Brutto-Einstiegsgehalt für Hochschulabsolventen in Italien bei rund 32.000 € jährlich. In Deutschland und Österreich sind es rund 57.000 €, in der Schweiz etwa 90.000 €. „Das Risiko der ‚virtuellen‘ Abwanderung ist in der öffentlichen Debatte noch stark unterbelichtet“, meint Stefan Perini. „Sie entsteht, wenn Südtiroler Arbeitskräfte ortsunabhängig für ausländische Arbeitgeber zu den Bedingungen im Arbeitgeberland arbeiten, rein übers Netz. Da alle fortgeschrittenen Volkswirtschaften einen ‚demografischen Winter‘ erleben, wird sich der Wettbewerb um die besten Talente in Europa noch weiter verschärfen.“

Pressemitteilung

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