20.08.2026
Lohnniveau & Lohnentwicklung
Zwei positive Nachrichten zuerst: Die Nominallöhne in der Privatwirtschaft liegen in Südtirol um 10% über dem gesamtstaatlichen Durchschnitt und sind in den vergangenen zehn Jahren stärker gestiegen als im italienischen Schnitt (Südtirol: +21,5%; Italien: +14,2%). „Dass sich die Lohnentwicklung in Südtirol zunehmend von der gesamtstaatlichen Dynamik abkoppelt, werten wir zunächst als sehr positive Entwicklung“, betont AFI-Direktor Stefan Perini, „wären da nicht die hohen Lebenshaltungskosten.“ Denn zwischen 2014 und 2024 stiegen die Verbraucherpreise in Südtirol um 27,3%, im gesamtstaatlichen Schnitt hingegen nur um 19,6%. Für beide Gebiete zeigt sich: Die Entwicklung der Nominallöhne konnte den Anstieg der Lebenshaltungskosten nicht ausgleichen.
Die Beobachtungsstelle des NISF (it. INPS) für lohnabhängig Beschäftigte im Privatsektor ist für Wirtschaftsinteressierte und „Datenarchäologen“ gleichermaßen eine wahre Fundgrube. Die auf Verwaltungsdaten des NISF basierende Datenbank ermöglicht Auswertungen zu den Bruttoentlohnungen nach Provinzen und beruflichen Qualifikationen.
Das AFI | Arbeitsförderungsinstitut nimmt dies einmal mehr zum Anlass, die Lohnentwicklung der Beschäftigten im Südtiroler Privatsektor über einen Zehnjahreszeitraum zu analysieren und in den nationalen Kontext einzuordnen. Grundlage sämtlicher Auswertungen und Vergleiche ist die durchschnittliche Brutto-Tagesentlohnung.
Löhne liegen in Südtirol um 10% über dem gesamtstaatlichen Schnitt
Im Jahr 2024 – dem zuletzt verfügbaren Berichtsjahr – beträgt die durchschnittliche Brutto-Tagesentlohnung eines lohnabhängig Vollzeit-Beschäftigten in der Südtiroler Privatwirtschaft 130 €. Führungskräfte erzielen im Durchschnitt 589 € pro Tag, leitende Angestellte 267 €, Angestellte 142 € und Arbeiter:innen 112 €.
Im gesamtstaatlichen Durchschnitt liegt die Brutto-Tagesentlohnung bei 118 €. Führungskräfte verdienen im Schnitt 555 €, leitende Angestellte 243 €, Angestellte 121 € und Arbeiter:innen 94 €.
Daraus lassen sich drei zentrale Erkenntnisse ableiten: Erstens liegen die Löhne in der Südtiroler Privatwirtschaft im Durchschnitt um 10% über dem italienischen Niveau. Zweitens fällt der Lohnvorsprung bei den niedrigeren beruflichen Qualifikationen deutlich höher aus als bei den höheren. Bei Arbeiter:innen beträgt der Lohnvorteil gegenüber Italien 19,3%, bei Angestellten 17,2%, bei leitenden Angestellten hingegen 9,7% und bei Führungskräften 6,1%.
Drittens hat sich dieser Vorsprung im Zeitverlauf vergrößert. Vor zehn Jahren lag das Lohndifferenzial zwischen Südtirol und dem gesamtstaatlichen Durchschnitt bei rund 4%, mittlerweile beträgt es 10%. Im Ranking der italienischen Provinzen belegt Bozen mit einem Indexwert von 110 (Italien=100) inzwischen Rang drei – hinter Mailand (134) und Rom (112). Vor zehn Jahren lag Südtirol noch auf Platz acht.
Die Lohnentwicklung in Südtirol im Zeitverlauf
Betrachtet man ausschließlich Südtirol, so sind die Nominallöhne im Privatsektor innerhalb von zehn Jahren um insgesamt 21,5% gestiegen. Nach Qualifikationsstufen zeigt sich dabei ein anderes Bild als im Querschnittsvergleich: Überdurchschnittlich hohe Lohnzuwächse verzeichneten Führungskräfte (+28,5%) und leitende Angestellte (+23,8%), während die Einkommen von Angestellten (+21,3%) sowie Arbeiter:innen (+20,7%) etwas schwächer zunahmen.
Auch im Vergleich mit der gesamtstaatlichen Entwicklung schneidet Südtirol besser ab. Italienweit stiegen die Nominallöhne im selben Zeitraum lediglich um 14,2%. Die Lohndynamik im Südtiroler Privatsektor fiel damit deutlich stärker aus als im nationalen Durchschnitt.
Die Lebenshaltungskosten trüben das positive Gesamtbild
Das insgesamt erfreuliche Bild relativiert sich, sobald die Entwicklung der Nominallöhne den Lebenshaltungskosten gegenübergestellt wird. Zwar legten die Löhne in Südtirol seit 2014 nominal um 21,5% zu, gleichzeitig stiegen die Verbraucherpreise jedoch um 27,3%. Die Lohnentwicklung reichte somit nicht aus, um den Kaufkraftverlust infolge der steigenden Lebenshaltungskosten vollständig auszugleichen.
Eine ähnliche Tendenz zeigt sich auf gesamtstaatlicher Ebene – wenn auch weniger ausgeprägt. Dort stehen einem Lohnanstieg von 14,2% Preissteigerungen von 19,6% gegenüber.
Mit anderen Worten: Sowohl in Südtirol als auch in Italien insgesamt konnten die Lohnzuwächse lediglich rund drei Viertel des Anstiegs der Lebenshaltungskosten kompensieren.
Zur Methodik: Warum Brutto-Tagesentlohnungen?
Für territoriale und zeitliche Vergleiche sollten die Daten möglichst von Faktoren bereinigt werden, die auf unterschiedliche Arbeitszeitmodelle (Vollzeit/Teilzeit) oder Beschäftigungsdauern (Saisonarbeit, befristete Beschäftigung oder ganzjährige Tätigkeit) zurückzuführen sind. Solche Unterschiede können Durchschnittswerte erheblich verzerren.
Das AFI berücksichtigt daher ausschließlich Vollzeitbeschäftigte, wodurch Verzerrungen aufgrund unterschiedlicher Teilzeitquoten ausgeschlossen werden. Zudem basiert die Analyse auf den durchschnittlichen Brutto-Tagesentlohnungen. Diese ergeben sich, indem die gesamte Bruttolohnsumme durch die Anzahl der im Bezugsjahr tatsächlich vergüteten Arbeitstage geteilt wird. Auf diese Weise werden Verzerrungen vermieden, die beispielsweise auf saisonale Effekte oder allgemein auf eine unregelmäßige Erwerbsbeteiligung im Jahresverlauf zurückzuführen sind.
Stellungnahme von AFI-Präsident Stefano Mellarini
„Es ist positiv festzustellen, dass die Lohnentwicklung in der Privatwirtschaft in Südtirol eine günstigere Entwicklung aufweist als im gesamtstaatlichen Kontext. Für eine umfassende Bewertung ist es jedoch ebenso wichtig, den Vergleich mit den wirtschaftlich nächstgelegenen Regionen zu berücksichtigen, insbesondere mit jenen im deutschsprachigen Raum. Das Lohnniveau und die beruflichen Chancen stellen neben anderen Faktoren wichtige Elemente für die Attraktivität und Wettbewerbsfähigkeit des Südtiroler Arbeitsmarktes dar.“